About this Podcast:
Was wir Wirklichkeit nennen, ist keine Gegebenheit, sondern eine Übersetzung. Ronald Cicurel, ehemaliger Mitbegründer des ersten Projekts zur Simulation des gesamten Gehirns an der EPFL, legt mit diesem Buch eine radikale Neubestimmung dessen vor, was Erkenntnis überhaupt leisten kann. Seine These: Das Gehirn ist keine Empfangsstation, die eine bereits vorhandene Realität abbildet. Es ist eine Membran – ein biologischer Konverter, der einen kontinuierlichen, ungeteilten Fluss in diskrete, benennbare Einheiten zerlegt. Aus dieser Übersetzungsleistung entsteht das, was wir für die Welt halten. Cicurel unterscheidet zwei Sphären: die Ur-Welt, körperlich, analog, im Überleben verwurzelt – und die Welt des Wortes, symbolisch, abstrakt, fähig sich von unmittelbarer Erfahrung zu lösen. Zwischen beiden liegt die neuronale Membran, die trennt und verbindet, zerlegt und neu zusammensetzt. Von diesem Ausgangspunkt aus entfaltet das Buch eine Lektüre der grossen Rätsel des modernen Wissens. Gödels Unvollständigkeitssatz, das Messproblem der Quantenmechanik, die unerklärliche Wirksamkeit der Mathematik: Cicurel liest sie nicht als Defekte der Welt, sondern als Signaturen jener Schwelle, an der Übersetzung sich selbst zu erkennen gibt. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem, was er "liminale Artefakte" nennt – Begriffe wie Energie, Kraft oder Information, die ursprünglich ein einzelnes Merkmal aus einem reichen Bündel von Erfahrung herauslösten, deren Herkunft aber im Gebrauch in Vergessenheit geriet, sodass die Abstraktion für die Sache selbst gehalten wird. Im letzten Teil weitet Cicurel den Blick auf die gesellschaftliche Dimension: Wie Aufmerksamkeitsökonomien und digitale Systeme die Bedingungen mitbestimmen, unter denen Wirklichkeit für ganze Gesellschaften Gestalt annimmt. Das Buch verlangt, zwei Dinge gleichzeitig festzuhalten: die Welt, die wir bewohnen, und das Reale, das sie übersteigt. Es schliesst nicht mit einer neuen Metaphysik, sondern mit einer Haltung – der Aufforderung, die eigenen Denkkategorien als Schwellen zu erkennen, nicht als Weltgesetze. Über den Autor Ronald Cicurel war von 2004 bis 2011 an der EPFL am Aufbau des ersten Projekts zur Simulation des gesamten Gehirns auf einer IBM-Blue-Gene-Maschine beteiligt. 2015 veröffentlichte er gemeinsam mit dem Neurowissenschaftler Miguel Nicolelis (Duke University) The Relativistic Brain . Was wir die Realität nennen ist sein sechzehntes Buch und das dreizehnte, das sich – aus wechselnden Blickwinkeln – der Natur von Wirklichkeit, Erkenntnis und Intelligenz widmet.